Connect with us

Unterhaltung

Alles, was vor dem Holocaust war | ZEIT ONLINE

Veröffentlicht

auf


Wahrscheinlich war ich vier oder
fünf, als ich auf die fixe Idee kam, ich sei Jüdin. Ich war mit meiner
Großmutter auf dem Friedhof, wo sie wie alle alten Frauen meiner Kindheit einen
beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit verbrachte, und ich ging immer gern mit,
weil Friedhof für mich damals
noch nicht Tod bedeutete, sondern ein Ort war, an dem es nach Blumen duftete
und man im Dreck wühlen durfte und vor allem tausend Geschichten hören
konnte. Mein Heimatort, ein Dorf in der Pfalz, rund zehn Kilometer von Speyer
entfernt, war klein; es gab kaum einen hier Beerdigten, von dem meine
Großmutter nichts wusste, und während wir das Unkraut vom Grab meines
Urgroßvaters zupften, ließ sie sich manchmal erweichen, ein bisschen von den
Leuten in den Reihen um ihn herum zu erzählen. Wir waren gerade dabei, die
Gießkanne auffüllen zu gehen, als uns eine noch ältere Frau entgegenkam,
Krückstock in der Hand, geblümtes Kopftuch ums Runzelgesicht:

„Un wie?“
„Jo, guud.“
„Is des eier Jüngschd? Wie häßd
se’n?“
„Des is d’Sarah“, antwortete meine
Großmutter.

In meiner Erinnerung biegen sich die
Brauen der Frau nach oben, werden die eben noch von hängenden Lidern verdeckten
Augen groß, während sie „oh, ein jüdischer Name“ sagt.

Die deutsche Schriftstellerin Sarah Stricker lebt seit zehn Jahren in Tel Aviv. Ihr erster Roman „Fünf Kopeken“ (Eichborn, 2013) gewann den Mara-Cassens-Preis, die höchst dotierte Auszeichnung für ein deutschsprachiges Debüt, und wird derzeit in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist Gastautorin von „10 nach 8“.
© privat

Vielleicht lag es an dem
plötzlichen Wechsel ins Hochdeutsche, das bei uns eigentlich dem Förmlichen und
Fremden vorbehalten war; vielleicht daran, wie sie mich ansah, ein wenig von
der Seite, als versuche sie, etwas zu ergründen. Auf jeden Fall war ich davon
überzeugt, auf ein Geheimnis gestoßen zu sein. Glaubte ich wirklich, meine
Eltern würden mich über meine Identität belügen? War es eher ein Spiel, etwas,
mit dem ich mich selbst unterhielt, weil die dunklen Geheimnisse im Leben einer
Fünfjährigen sonst eher spärlich gesät sind? Ich weiß es nicht mehr. Aber
irgendetwas blieb, setzte sich an einer dieser Stellen weit, weit hinten im
Bewusstsein fest, zu denen der Verstand keinen Zugang mehr hat und wo sich entscheidet,
ob wir etwas als angenehm empfinden oder nicht, was uns anzieht, was uns
abstößt, was uns weitergehen oder unwillkürlich innehalten lässt.

Es muss einige Jahre später gewesen
sein, als ich die Gedenktafel entdeckte, gegenüber der Apotheke, so zugewuchert
von einem Busch, dass ich ein Weilchen brauchte, bis ich die Inschrift darunter
entziffern konnte, die an eine Synagoge erinnerte, die hier von 1830 bis zum
11. November 1938 gestanden hatte.

Ich war völlig überrascht. Auf den
Gedanken, dass auch in meinem Heimatort Juden gelebt haben könnten, war ich bis
dahin nie gekommen. Aber vielleicht
hatte ich einfach zu oft gehört, was für ein Skandal es im Dorf gewesen sei, als meine evangelische
Großmutter meinen katholischen Großvater geheiratet hatte, dass enorme
Überzeugungsarbeit von Nöten gewesen sei (sprich: schwanger werden), um ihrem
Vater die Zustimmung abzuringen … Eine dritte Glaubensgemeinschaft hatte ich in
der Gemengelage einfach nicht für möglich gehalten.

Hm, doch, ja, ein paar jüdische
Familien habe es wohl hier gegeben, sagte meine Großmutter, als ich sie beim
nächsten Besuch darauf ansprach.

Ich schob mir ein Stück Apfelpfannkuchen
in den Mund, wartete, dass sie weitersprechen würde. Aber meine Großmutter
hatte auf einmal keine Zeit mehr zu reden. Stattdessen brauchte sie plötzlich
ganz dringend etwas aus der Speisekammer, lief in die Waschküche, zurück „in’d
Stub“ – das Fachwerkhaus, das irgendein anderer auf dem Friedhof ruhender
Vorfahre erbaut hatte, war 300 Jahre alt und geradezu absurd verwinkelt; mit
ein bisschen gutem Willen konnte man sich darin ziemlich lang verlaufen.

Ja, was sie denn jetzt über diese
Familien wisse, versuchte ich es noch mal, als sie irgendwann doch zurückkam. Meine Großmutter nahm meinen leeren
Teller und trug ihn zum Waschbecken. Wandte mir den Rücken zu. Rieb mit dem
Schwämmchen hin und her.

Na, die seien halt irgendwann
abgeholt worden. Und sonst? Für meine Großmutter gab es
kein „sonst“.

Meine Güte, sagte sie, plötzlich
ungewohnt ruppig, das sei eben „eine böse Zeit“ gewesen, was ich denn bitte von
ihr hören wolle?



Quelle

Weiterlesen
Klicken Sie, um zu kommentieren

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Unterhaltung

Philipp Amthor will neue Leitkultur-Debatte – und erntet heftige Kritik

Veröffentlicht

auf

Durch

Ab wann wird chinesisch die neue Weltsprache ?

Wir, die „Auserwählten“ dieser Welt, die konsumorientierten, werden bald umdenken müssen. Die Zeiten von Arroganz und Mitleid seitens der westlichen Welt sind vorbei.
Während hier unsägliche, unmenschliche Diskussionen stattfinden, ob Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, oder besser absaufen…. schaffen die Chinesen in ganz Afrika Infrastrukturen. Sie bauen Straßen, Schulen, Krankenhäuser, ganze Stadtteile, sie bauen riesige Solarkraftwerke.
Was haben „wir“ dort erreicht ? Ein wenig „Brot für die Welt“ , oder ähnliche Tröpfchen auf einem heißen Stein, aber viele Waffen für irgendwelche Stammesfürsten und Warlords. Mir ist völlig klar, dass China nicht uneigennützig handelt, aber auch die EU zieht ihren Gewinn aus diesem Kontinent, jedoch ohne vernünftige Investitionen.



Quelle

Weiterlesen

Unterhaltung

DAS IST UNFASSBAR! 😱🔥 FIFA MOBILE 20 #151

Veröffentlicht

auf



► Das ist unfassbar! FIFA Mobile PacksTrader Gaming Lets Play FIFA Mobile 20 Folge 151 deutsch german ✘Hertha Karriere: ✘letzte 20 Uhr Folge:

🔥VIP werden:

►►► Kennst du schon???
👉 Champions League Pack Opening:
👉 Messi gezogen:
👉 Mein PES Mobile Team:
👉 Ich bewerte Eure Teams:
👉 Discard Battle:

✘Weitere Videos von mir gibt’s hier:

►►► Noch mehr Videos:
👉 TOTS Pack Opening:
👉 TOTY Pack Opening:
👉 Best Of PacksTrader:

► geschäftliche Anfragen an: packstrader@gmail.com

Viel Spaß mit dem Video wünscht,

euer PacksTrader

//–//–//–//–//–//–//–//–//–//–­­­­//–//–//–//–//

Musik aus der YouTube Audio-Bibliothek:

Weitere Musik von NoCopyrightSounds & Vlog No Copyright Music:

Soundeffekte aus der YouTube Audio-Bibliothek:

//–//–//–//–//–//–//–//–//–//–­­­­//–//–//–//–//

Quelle

Weiterlesen

Unterhaltung

Musical „Cabaret“ feiert Premiere im Hansa Theater in Hamburg | NDR.de

Veröffentlicht

auf

Durch


Stand: 17.02.2020 11:28 Uhr
 –
NDR 90,3

von Annette Matz

„Willkommen, Bienvenue, Welcome“: Im Hamburger Hansatheater hat am Sonntag das Musical „Cabaret“ Premiere gefeiert. In dem 125 Jahre alten Traditionsvarieté stehen normalerweise internationale Artisten auf der Bühne. Jetzt wurde das Haus in den legendären KitKat Club aus dem Berlin Ende der 20er-Jahre verwandelt – mit Fransenkleidern, Zigarettenspitzen und verruchter Lebenslust.


Bild vergrößern


Chansonnier Tim Fischer spielt den zwielichtigen Conférencier im Musical „Cabaret“.

Das Publikum feierte das Stück am Sonntagabend mit langem und begeistertem Applaus: „umwerfend gut“, „großartige Künstler, tolle Musik“. Hausherr Ulrich Waller hat zusammen mit Co-Regisseurin Dania Hohamnn eine großartige Inszenierung auf die Bühne am Steindamm gebracht. Kurzweilig und glamourös, berührend, herzlich und tief. Im verruchten KitKat Club, wo man sich lebenshungrig amüsiert und alles möglich scheint, sorgt Tim Fischer als diabolischer, undurchsichtiger Conférencier vom ersten Moment an für einen besonderen Sog. Nie fühlt man so sich ganz sicher vor ihm, weiß nicht so genau, ob sein Lächeln es wirklich gut mit einem meint.








Musical-Premiere: „Cabaret“ mit Tim Fischer

Hamburg Journal

Im Jahr 1966 wurde „Cabaret“ am Broadway uraufgeführt, nun bringt das Hansa Theater das Musical erneut auf die Bühne – mit Tim Fischer in der Rolle des Conferenciers.

Liebespaare stehen im Mittelpunkt von „Cabaret“


Bild vergrößern


Schauspielerin Anneke Schwabe (3.v.r) ist in der Rolle der Sally Bowles zu sehen.

Mit Sängerin Sally Bowles, wunderbar gespielt von Anneke Schwabe, nimmt die eigentliche Geschichte Fahrt auf, die sich um zwei Liebespaare dreht: Sally verliebt sich in den jungen amerikanischen Schriftsteller Cliff, wird schwanger und entscheidet sich später für die Karriere. Und der jüdische Obsthändler Herr Schultz macht der ältlichen Zimmerwirtin Fräulein Schneider einen Heiratsantrag. Gespielt wird das alte Paar zart und berührend von Angela Winkler und Peter Franke. Beide sind herausragend, sie werden mit minutenlangem Szenenapplaus bedacht. Doch die Leichtigkeit ist bald vorbei, als ein Bekannter sich als Nazi zu erkennen gibt und die Verlobungsfeier verlässt, nachdem er erfährt, dass das Fräulein Schneider einen Juden heiraten will. „Er ist nicht deutsch, er wird nie ein Volksgenosse sein. Gute Nacht.“

„Cabaret“ hat an Aktualität nichts verloren

Die politische Seite dieses Abends beeindruckt dann auch genauso wie die unterhaltende. Das Musical „Cabaret“ erschien Mitte 60er-Jahre – die Brisanz des Stückes scheint man aber im Moment wieder besonders zu spüren. Niemanden lässt das Thema an diesem Abend kalt, mancher geht bedrückt nach Hause. Da gehe einem plötzlich ein Schauer durch den Körper, das sei die Diskussion, die wir jetzt auch haben, erzählt ein Besucher nach der Aufführung.

Auch Schauspielkollegin Eva Mattes saß im Publikum und war beeindruckt: Das Stück habe eine starke, inhaltliche Wirkung. „Das habe ich so nicht erwartet.“ Sie wünscht sich sogar, dass das Stück auf Tournee geht. Die Künstler und Künstlerinnen sah man aber erst mal hinter dem Vorhang nach dem Schlussapplaus auf der Bühne feiern. Zu Recht: „Cabaret“ im Hansa Varieté Theater ist in jeden Fall einen Besuch wert.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 |
Kulturjournal |
17.02.2020 | 19:00 Uhr

NDR Logo



Quelle

Weiterlesen

Trending

//onemboaran.com/afu.php?zoneid=2954224
Auch auf dieser Seite werden Cookies verwendet. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Das ist für uns wichtig, denn unser Angebot finanziert sich über Werbung. Die Nutzung der Seite gilt als Zustimmung zur Cookie-Nutzung.
Accept